Radikaler Schwenk

Was haben ein radikaler Denker und ein nach Wachstum strebender Entwickler miteinander gemein? Beide sehen die Notwendigkeit eines anderen Wirtschaftssystems, in dem die (Bau)welt besser und langfristiger funktionieren kann. Thomas Rau, Leiter des Architektenbüros RAU und Turntoo, und Franz-Josef Lickteig, Geschäftsführer von BPD Immobilienentwicklung, plädieren für neue Spielregeln. „Der Verbraucher wird zum reinen Nutzer.“
BPD Magazin Nr. 12

Thomas Rau ist ein radikaler Denker, der der Konfrontation nicht aus dem Weg geht. Im Gegenteil: er sucht sie geradezu. Er glaubt an die Notwendigkeit eines radikalen Wandels unseres Wirtschaftssystems. Mit seinen kompromisslosen Vorstellungen von einer nachhaltig eingerichteten Welt greift er mitunter weit vor. Aber es bleibt nicht nur bei Worten. Die CO2-neutralen, energieerzeugenden, recycelten und demontierbaren Gebäude, die Rau entwirft, zeugen von einem hohen Anspruch und sind innerhalb der Branche richtungsweisend. An solchem Ehrgeiz mangelt es auch Franz-Josef Lickteig von BPD Deutschland nicht, aber die Praxis erweist sich als komplizierter, als er sich wünschen würde. Er leitet ein Unternehmen mit hochgesteckten Wachstumszielen, ein Unternehmen, das lebendige Räume schaffen und nachhaltig entwickeln will. BPD ist jedoch auch den alltäglichen Anforderungen ausgesetzt, mit traditionellen wirtschaftlichen Verhältnissen und Gewinnzielen. Wie sind beide Sachen unter einen Hut zu bekommen?

Franz-Josef Lickteig und Thomas Rau
Foto: Erik Smits
Keinerlei Recht

„Zu einer nachhaltigen Entwicklung der Gesellschaft beitragen“, so lautet das Ziel von BPD, das groß auf der Website steht. Lickteig: „Das geht über das Entwickeln von nachhaltigem Wohnraum hinaus. Unsere Produkte müssen das Zusammenleben fördern. Die Bebauung ist im Grunde der Rahmen, der den Kontext für das soziale Klima bildet. Und ob dieses Klima ein nachhaltiges ist, hängt davon ab, wie wir die Bebauung gestalten und einrichten.“ Rau: „Nachhaltigkeit hat vor allem mit dem Verhalten und der Einstellung zu tun. Ob es um die Bebauung, die Nahrungskette oder den Rohstoffverbrauch geht, die Einstellung des Menschen zu unserem Planeten muss sich bei allem ändern. Wir sind hier zu Gast und haben keinerlei Recht, Raubbau zu betreiben. Die Erde ist ein geschlossenes  System: Was wir aufbrauchen, kommt nicht wieder.“ Lickteig: „Das stimmt, aber darin steckt zugleich das Problem. Die Variablen dieses geschlossenen Systems ändern sich ständig. Nehmen Sie beispielsweise das anhaltende Wachstum der Weltbevölkerung.“ Rau: „Ich sehe nur eine echte Lösung: Wir müssen die lineare Wirtschaftsstruktur durch eine kreislaufförmige ersetzen. Dann verändern sich die Variablen im System.“

Franz-Josef Lickteig
Foto: Erik Smits
Raubbaugesellschaft

Rau ist seiner Sache ausgesprochen sicher, Lickteig eher skeptisch: „Der Mensch ist ein Individuum, das nach der Maximierung seines persönlichen Wohlbefindens strebt. Mit Unternehmen ist es nicht viel anders; alles ist auf Gewinnmaximierung ausgerichtet. Heute ist es noch so dass, wer die Umwelt schädigt, davon kurzfristig profitieren kann, während die Folgen seines Handelns auf lange Sicht die ganze Gesellschaft treffen. Umweltschutz ist leider keine kollektive Verpflichtung.

Die freie Marktwirtschaft steht einer Verhaltensänderung im Wege.“ Rau: „Deshalb brauchen wir neue Spielregeln. Ich meine wirklich neue. Was wir heute über Nachhaltigkeitsprogramme tun, ist die Optimierung eines falschen Systems. Wir laufen in eine Sackgasse. Wir ökonomisieren die Ökologie, während wir die Ökonomie ökologisieren müssten. Die Welt hat sich zu einer Raubbaugesellschaft entwickelt.“ Lickteig: „Richtig. Als ich jung war, konnte ich nicht für achtzig Euro von Frankfurt nach Hamburg und zurück fliegen. Heute geht das. Wir sind weiter denn je von einem vernünftigen Umgang mit knappen Rohstoffen entfernt, während uns die Sonne als unbegrenzte Energiequelle zur freien Verfügung steht. Wir finden sie nur zu teuer.“ Rau: „Sonnenenergie ist nicht zu teuer, Erdöl ist viel zu billig.“

Wir ökonomisieren die Ökologie, während wir die Ökonomie ökologisieren müssten.
BPD Franz Josef Lickteig Geschäftsführer Sprecher
Franz-Josef Lickteig
Geschäftsführer (Sprecher) BPD
Mail Franz-Josef Lickteig

Feierstimmung

Unbewusst zeichnen beide Herren ein etwas pessimistisches Bild der Zukunft unserer Erde. Rau denkt allerdings, dass immer mehr Menschen sich der Endlichkeit der lebenswichtigen Ressourcen bewusst werden und es so zu einer Umkehr kommen wird. „Das Bewusstsein, dass wir auf der Erde nur ‚zu Gast‘ sind, wächst. Wenn wir unser Leben aus diesem Bewusstsein heraus gestalten, kann ein neues Wirtschaftssystem entstehen. Gerade auch im Hinblick auf zukünftige Generationen.“ Lickteig: „Ein großer Teil der Bevölkerung hat aber keine Kinder und denkt dann leicht: Nach mir die Sintflut.“ Rau: „Andererseits zeigt die Geschichte eine Bewegung. Durch die industrielle Revolution konnte der Mensch plötzlich Dinge tun, die ihm mit reiner Muskelkraft nicht gelungen wären. Durch die digitale Revolution konnte der Mensch plötzlich Dinge denken, auf die er nie aus eigener Kraft gekommen wäre. Und jetzt stehen wir vor dem Beginn einer existenziellen Revolution: Wir müssen unser ‚Sein‘ neu definieren und immer mehr begreifen, dass alle Materie endlich ist.“ Lickteig ergänzt: „Das Problem ist, dass die Endlichkeit dessen, was wir der Erde entziehen, nicht immer und überall gleichermaßen sichtbar ist. Außerdem: Die Wirtschaft läuft hier in Deutschland zur Zeit nicht schlecht. Dadurch herrscht eine Feierstimmung, bei der wir die Dringlichkeit der Probleme ein wenig aus den Augen verlieren.“ Rau: „Das ist der springende Punkt. Das Bewusstsein ist vorhanden, aber wir handeln noch zu wenig danach. Wir lassen uns noch zu viel von Alltäglichem leiten.“

Thomas Rau, Leiter des Architektenbüros RAU und Turntoo
Foto: Erik Smits
Keine Lampen, sondern Licht

Deshalb wird es Zeit, etwas zu unternehmen. Denn trotz des gestiegenen Bewusstseins scheint ein Aufruf zu freiwilligen Veränderungen nicht zu genügen. Wie können wir dennoch eine Verhaltensänderung erzwingen? Rau: „Die Lieferkette im Baugewerbe ist jetzt so organisiert, dass niemand mehr für die Konsequenzen seines Handelns verantwortlich ist.“ Lickteig: „Genau. Die Verantwortung ist auf so viele Seiten verteilt, dass man niemanden mehr für seine Entscheidungen oder auch für die verwendeten Materialien zur Rechenschaft ziehen kann.“ Rau: „Wir müssen dringend neue Spielregeln ausarbeiten. Ich denke, dass wir uns in eine Richtung bewegen, bei der aus Produkten Dienstleistungen werden. Der Verbraucher wird zum reinen Nutzer. Vor allem bei jüngeren Generationen ist das ein  Trend: Man will kein Auto mehr sondern Mobilität, keine Lampen sondern Licht, keine Waschmaschine sondern saubere Wäsche.

Lickteig: „Man will keine Wohnung, sondern Wohnvergnügen, Geborgenheit und Identität.“ Rau, vollmundig: „Richtig. Aber der Markt funktioniert noch nicht so. Nehmen Sie beispielsweise das iPhone: Der einzige, der weiß, was darin steckt, ist der Hersteller. Er muss eigentlich jederzeit die Verantwortung für dieses Produkt behalten und das iPhone nur als leistungsbasierten Dienst auf den Markt bringen. Wenn der Kunde das Telefon nicht mehr braucht, nimmt der Hersteller das iPhone zurück. Bisher ist es so, dass man schlechte Produkte herstellen kann, denn wenn sie verkauft sind, ist man sie los. Wenn der Kunde aber zum Servicepartner wird, bleibt die Verantwortung beim Hersteller. Dann wird er anders mit dem Produkt umgehen, dann ist das Produkt ein ‚Rohstoffreservoir‘ und wird er die Rohstoffe wiederverwenden, wenn sie im ersten ‚Reservoir‘ nicht mehr gebraucht werden.“ Lickteig: „Das erscheint mir eine gute Lösung. So wird der Lebenszyklus der Produkte verlängert. Wenn die Verantwortung beim Hersteller bleibt, wird er für bessere Produkte sorgen.“

Wir wollen kein Auto, sondern Mobilität. Wir wollen keine Lampen, sondern Licht.
Thomas Rau
Founder RAU Architecten Amsterdam

Blinder Fleck

Das eröffnet der Immobilienbranche neue Perspektiven: eine Wohnung, ein Büro- oder Fabrikgebäude als Rohstoffreservoir. Lickteig: „In gewissem Sinne haben wir dieses System bereits: Der Nutzer oder Mieter trägt keine Verantwortung für das Produkt, die liegt beim Vermieter.“ Rau entgegnet: „Aber auch der Vermieter weiß nicht, welche Materialien verwendet wurden und welchen Rohstoffwert die Mietobjekte haben. Um uns herum stehen Berge von Rohstoffen in Form von Gebäuden, aber das Wie und Was ist ein einziger, großer blinder Fleck. Ich würde mir wünschen, dass der Entwickler oder der Bauträger verantwortlich bleibt und dass der Vermieter nur die Nutzung regelt. Der Bauträger bleibt Eigentümer der Rohstoffe und wird so gezwungen, sie wiederzuverwenden. Damit wird vermieden, dass ein Rohstoff irgendwo im Kreislauf zu Abfall wird, wie das in dem heutigen Bauprozess der Fall ist.“ Lickteig: „So weit sind wir im Baugewerbe noch nicht. Wir erfassen noch nicht die Menge an Rohstoffen wie Beton, Stahl, Kupfer und Eisen, die wir der Erde entzogen und in Gebäuden verbaut haben. In der Bilanz stehen der Wert des Gebäudes und die gekauften Materialien, aber wir verfügen nicht über eine Ökobilanz.“ Rau: „Wir schon. Von zwei Gebäuden haben wir inzwischen einen Rohstoffausweis erstellt, mit dem die Rohstoffe existent werden. Wir halten darin fünf Werte fest: den Materialwert, den Komponentenwert, den Produktwert, den Zukunftswert und den Ursprungswert. Außerdem haben wir eine Datenbank entwickelt, mit der wir sehen können, welcher Rohstoff sich wo im Gebäude befindet. Der Auftraggeber schreibt ein solches Gebäude nie bis null ab, denn es bleibt immer mindestens noch ein Rohstoffwert von etwa zwanzig Prozent.”

Thomas Rau, Leiter des Architektenbüros RAU und Turntoo
Foto: Erik Smits
Die Sonne als Lösung

Könnte ein solcher „Ausweis“ für das rohstoffintensive Baugewerbe das Ei des Kolumbus sein? Lickteig ist verhalten optimistisch: „Was man damit erreicht, ist, dass Gebäude mit einem geringeren wirtschaftlichen Wert als dem Rohstoffwert schneller in den Kreislauf zurückgeführt werden. Aber wir sollten das nicht zu rosig sehen, im heutigen Baugewerbe ist die Wiederverwendung von Baumaterialien alles andere als effizient. Denn wie kann man die Stoffe brauchbar voneinander trennen? Darüber hinaus verwenden wir noch immer Materialien, die umwelt- oder gesundheitsschädlich sein können: Dämmmaterialien, Farbe, Klebstoffe. Vielleicht sollten wir uns vor allem mit der Suche nach Alternativen für derartige Materialien beschäftigen.“

Rau: „Womit wir wieder bei der Sonne sind. Wenn wir die Energiefrage auf eine andere Art lösen, nämlich über die unendlich verfügbare Sonnenenergie anstatt über die endlichen fossilen Brennstoffe, brauchen wir vielleicht überhaupt keine Dämmung mehr. Eine einseitige Optimierung führt garantiert nicht zu besseren Häusern.“ Lickteig: „Das ist richtig. Die Konstruktionen werden monotoner, weil wir einen immer höheren Dämmwert erreichen wollen, weniger Brennstoffverbrauch und weniger CO2- und Feinstoffemissionen. Es wäre viel besser, wenn wir Energie nutzen, die sowieso im Überfluss vorhanden ist, damit wieder mehr gestalterische Freiheit entsteht.“

Sonnenenergie ist nicht zu teuer, Erdöl ist viel zu billig.
Thomas Rau
Founder RAU Architecten Amsterdam
Franz-Josef Lickteig
Foto: Erik Smits
Radikal oder allmählich?

Was bleibt, ist die Aufgabe, diese Zukunftsvisionen auf die normale Alltagspraxis zu übertragen. Lickteig wählt hierfür lieber den allmählichen Wandel: „Es fängt doch mit dem Dialog mit den Kunden an. Wenn es uns nicht gelingt, eine Verhaltensänderung zu bewirken, ist der einzige Weg, die Optimierung des bestehenden Systems zu versuchen. BPD hat in Deutschland Pilotprojekte für den Bau nachhaltiger Wohnungen anvisiert. Wenn es sein muss, machen wir dabei beispielsweise die Wohnfläche etwas kleiner. Das ist keine Imagekosmetik, wir suchen ernsthaft Möglichkeiten, solche Projekte in großem Maßstab zu wiederholen, um beim nachhaltigen Bauen zu größeren Stückzahlen zu kommen.“

Rau will viel stärker die eigene Branche die Verantwortung für einen Wandel tragen lassen: „Ich arbeite nur für Auftraggeber, die sich wirklich für Nachhaltigkeit starkmachen. Auftraggeber, die sich nicht nur zu einer großen gesellschaftlichen Verantwortung bekennen, sondern auch danach handeln.“ Lickteig: „Das würde ich auch wollen, und in der Vision unserer Muttergesellschaft ist auch ein deutliches Bekenntnis zu Nachhaltigkeit enthalten. Aber dann muss man auch in Kauf nehmen, dass die finanzielle Performance vielleicht vorübergehend etwas zu wünschen übrig lässt, um so eine Führungsposition beim Umweltschutz zu erreichen. Das wird die Lackmusprobe für die Branche: Akzeptieren wir vorübergehend einen geringeren Ertrag für Projekte, die in puncto Nachhaltigkeit hervorragend abschneiden und für die Zukunft wegweisend sein können?“

Wir sind weiter denn je von einem vernünftigen Umgang mit knappen Rohstoffen entfernt.
BPD Franz Josef Lickteig Geschäftsführer Sprecher
Franz-Josef Lickteig
Geschäftsführer (Sprecher) BPD
Mail Franz-Josef Lickteig

Rigoros eingreifen

Rau will die Dinge beschleunigen und macht verschiedene Vorschläge (außer dem bereits erwähnten leistungsbasierten Konsumieren), wie mehr Bewegung in den Prozess kommen kann. „Es muss rigoros eingegriffen werden, sonst geht es auf unserem Planeten schief. Als Erstes plädiere ich für eine Minderwertsteuer anstelle der Mehrwertsteuer. Also eine Besteuerung für diejenigen, die der Erde Werte entziehen. Und ich würde auch nicht Arbeit besteuern, wie das bisher geschieht, denn Arbeit ist unerschöpflich und regeneriert sich jede Nacht wieder von selbst. Wir müssen stattdessen die Nutzung von Rohstoffen besteuern, denn die stehen nur begrenzt zur Verfügung.

Ein weiterer Vorschlag: Für jedes Gebäude müsste, wie schon erwähnt, ein Rohstoffausweis eingeführt werden, mit einer genauen Auflistung der enthaltenen Stoffe. Und drittens: Ich würde Auftraggebern die Nachweispflicht auferlegen, dass, sobald ein Gebäude seine Funktion verliert, nichts von dem Material verloren geht.“ Lickteig: „Das sind alles Ideen, über die wir sicher weiter nachdenken müssen. Der letzte Vorschlag ist recht einfach umzusetzen, wir arbeiten bei gemeinschaftlichem Eigentum bereits mit vergleichbaren ‚Stammakten‘. Und ein Rohstoffausweis und die Minderwertsteuer: Das muss im Prinzip möglich sein, warum also nicht? Es sind allerdings viele, vor allem politische Beschlüsse dafür notwendig. Bis dahin müssen wir weiter mit Nachdruck auf die Notwendigkeit und Dringlichkeit von Veränderungen hinweisen. Auch hier liegt für unseren Wirtschaftszweig eine große Aufgabe.“

Arbeit ist unerschöpflich und regeneriert sich jede Nacht wieder von selbst.
Thomas Rau
Founder RAU Architecten Amsterdam